ALBERT EINSTEIN MEIN WELTBILD 1934 QUERIDO VERLAG AMSTERDAM VOM SINN DES LEBENS Welches ist der Sinn unseres Lebens, welches der Sinn des Lebens aller Lebewesen überhaupt? Eine Antwort auf diese Frage wissen, heißt reli- giös sein. Du fragst: Hat es denn überhaupt einen Sinn, diese Frage zu stellen? Ich antworte: Wer sein eigenes Leben und das seiner Mitmenschen als sinnlos empfindet, der ist nicht nur unglück- lich, sondern auch kaum lebensfähig. WIE ICH DIE WELT SEHE Wie merkwürdig ist die Situation von uns Erden- kindern. Für einen kurzen Besuch ist jeder da. Er weiß nicht wofür, aber manchmal glaubt er, es zu fühlen. Von einem Standpunkt des täg- lichen Lebens ohne tiefere Reflexion weiß man aber: man ist da für die anderen Menschen — zunächst für diejenigen, von deren Lächeln und Wohlsein das eigene Glück völlig abhängig ist, dann aber auch für die vielen Ungekannten, mit deren Schicksal uns ein Band des Mitfühlens ver- kettet. Jeden Tag denke ich unzählige Male dar- an, daß mein äußeres und inneres Leben auf der Arbeit der jetzigen und der schon verstorbenen Menschen beruht, daß ich mich anstrengen muß, um zu geben im gleichen Ausmaß, wie ich emp- fangen habe und noch empfange. Ich habe das Bedürfnis nach Genügsamkeit und habe oft das drückende Bewußtsein, mehr als nötig von der 12 Wie ıch die Welt sehe Arbeit meiner Mitmenschen zu beanspruchen. Die sozialen Klassenunterschiede empfinde ich nicht als gerechtfertigt und letzten Endes als auf Gewalt beruhend. Auch glaube ich, daß ein schlichtes und anspruchsloses äußeres Leben für jeden gut ist, für Körper und Geist. An Freiheit des Menschen im philosophischen Sinne glaube ich keineswegs. Jeder handelt nicht nur unter äußerem Zwange, sondern auch gemäß innerer Notwendigkeit. Schopenhauers Spruch: „Ein Mensch kann zwar tun, was er will, aber nicht wollen, was er will” hat mich seit meiner Jugend lebendig erfüllt und ist mir beim Anblick und beim Erleiden der Härten des Lebens immer ein Trost gewesen und eine unerschöpfliche Quelle der Toleranz. Dieses Bewußtsein mildert in wohl- tuender Weise das leicht lähmend wirkende Ver- antwortungsgefühl und macht, daß wir uns selbst und die andern nicht gar zu ernst nehmen; es führt zu einer Lebensauffassung, die auch beson- ders dem Humor sein Recht läßt. Nach dem Sinn oder Zweck des eigenen Daseins sowie des Daseins der Geschöpfe überhaupt zu fragen, ist mir von einem objektiven Standpunkte aus stets sinnlos erschienen. Und doch hat ande- rerseits jeder Mensch gewisse Ideale, die ihm richtunggebend sind für das Streben und für das Urteilen. In diesem Sinne ist mir Behagen und Glück nie als Selbstzweck erschienen (ich nenne diese ethische Basis auch Ideal der Schweine- Wie ıch die Welt sehe 13 herde). Meine Ideale, die mir voranleuchteten und mich mit frohem Lebensmut immer wieder erfüllten, waren Güte, Schönheit und Wahrheit. Ohne das Gefühl von Übereinstimmung mit Gleichgesinnten, ohne die Beschäftigung mit dem Objektiven, dem ewig Unerreichbaren auf dem Gebiete der Kunst und des wissenschaftlichen Forschens wäre mir das Leben leer erschienen. Die banalen Ziele menschlichen Strebens: Be- sitz, äußerer Erfolg, Luxus erschienen mir seit meinen jungen Jahren verächtlich. Mit meinem leidenschaftlichen Sinn für soziale Gerechtigkeit und soziale Verpflichtung stand stets in einem eigentümlichen Gegensatz ein aus- gesprochener Mangel an unmittelbarem An- schlußbedürfnis an Menschen und menschliche Gemeinschaften. Ich bin ein richtiger ‚Einspän- ner”, der dem Staat, der Heimat, dem Freundes- kreis, ja, selbst der engeren Familie nie mit gan- zem Herzen angehört hat, sondern all diesen Bin- dungen gegenüber ein nie sich legendes Gefühl der Fremdheit und des Bedürfnisses nach Ein- samkeit empfunden hat, ein Gefühl, das sich mit dem Lebensalter noch steigert. Man empfindet scharf, aber ohne Bedauern die Grenze der Ver- ständigung und Konsonanz mit anderen Men- schen. Wohl verliert ein solcher Mensch einen Teil der Harmlosigkeit und des Unbekümmert- seins, aber er ist dafür von den Meinungen, Ge- wohnheiten und Urteilen der Mitmenschen weit- 14 Wie ich die Welt sehe gehend unabhängig und kommt nicht in die Ver- suchung, sein Gleichgewicht auf solch unsolide Grundlage zu stellen. Mein politisches Ideal ist das demokratische. Jeder soll als Person respektiert und keiner ver- göttert sein. Eine Ironie des Schicksals, daß die andern Menschen mir selbst viel zu viel Bewun- derung und Verehrung entgegengebracht haben, ohne meine Schuld und ohne mein Verdienst. Es mag wohl von dem für viele unerfüllbarenWunsch herrühren, die paar Gedanken zu verstehen, die ich mit meinen schwachen Kräften in unabläs- sigem Ringen gefunden habe. Ich weiß zwar sehr wohl, daß es zur Erreichung jedes organisato- rischen Zieles nötig ist, daß einer denke, an- ordne und im Großen die Verantwortung trage. Aber die Geführten sollen nicht gezwungen sein, sondern den Führer wählen können. Ein auto- kratisches System des Zwanges degeneriert nach meiner Überzeugung in kurzer Zeit. Denn Ge- walt zieht stets moralisch Minderwertige an, und es ist nach meinerÜuberzeugung Gesetz, daß ge- niale Tyrannen Schurken als Nachfolger haben. Aus diesem Grunde bin ich stets leidenschaft- licher Gegner solcher Systeme gewesen, wie wir sie heute in Italien und Rußland erleben. Was die heute in Europa herrschende demokratische Form in Mißkredit gebracht hat, ist nicht der demokratischen Grundidee zur Last zu legen, sondern dem Mangel an Stabilität der Spitzen Wie ıch die Welt sehe 15 der Regierungen und dem unpersönlichen Cha- rakter des Wahlmodus. Ich glaube aber, daß die Vereinigten Staaten von Nordamerika in dieser Beziehung das Richtige getroffen haben: sie ha- ben nämlich einen auf genügend lange Zeit ge- wählten, verantwortlichen Präsidenten, der ge- nug Macht hat, um tatsächlich Träger der Ver- antwortung zu sein. Dagegen schätze ich an un- serem Staatsbetriebe die weitergehende Für- sorge für das Individuum im Falle von Krank- heit und Not. Als das eigentlich Wertvolle im menschlichen Getriebe empfinde ich nicht den Staat, sondern das schöpferische und fühlende Individuum, die Persönlichkeit: sie allein schafft das Edle und Sublime, während die Herde als solche stumpf im Denken und stumpf im Fühlen bleibt. Bei diesem Gegenstande komme ich auf die schlimmste Ausgeburt des Herdenwesens zu re- den: auf das mir verhaßte Militär! Wenn einer mit Vergnügen in Reih und Glied zu einer Musik marschieren kann, dann verachte ich ihn schon; er hat sein großes Gehirn nur aus Irrtum bekom- men, da für ihn das Rückenmark schon völlig ge- nügen würde. Diesen Schandfleck der Zivilisa- tion sollte man so schnell wie möglich zum Ver- schwinden bringen. Heldentum auf Kommando, sinnlose Gewalttat und die leidige Vaterländerei, wie glühend hasse ich sie, wie gemein und ver- ächtlich erscheint mir der Krieg; ich möchte mich 16 Wie ıch die Welt sehe lieber in Stücke schlagen lassen, als mich an ei- nem so elenden Tun beteiligen! Ich denke im- merhin so gut von der Menschheit, daß ich glaube, dieser Spuk wäre schon längst verschwun- den, wenn der gesunde Sinn der Völker nicht von geschäftlichen und politischen Interessenten durch Schule und Presse systematisch korrumpiert würde. Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozu- sagen tot und sein Auge erloschen. Das Erlebnis des Geheimnisvollen — wenn auch mit Furcht gemischt — hat auch die Religion gezeugt. Das Wissen um die Existenz des für uns Undurch- dringlichen, der Manifestationen tiefster Ver- nunft und leuchtendster Schönheit, die unserer Vernunft nur in ihren primitivsten Formen zu- gänglich sind, dies Wissen und Fühlen macht wahre Religiosität aus; in diesem Sinne und nur in diesem gehöre ich zu den tief religiösen Men- schen. Einen Gott, der die Objekte seines Schaf- fens belohnt und bestraft, der überhaupt einen "1 Willen hat nach Art desjenigen, den wir an uns il selbst erleben, kann ich mir nicht einbilden. Auch | ein Individuum, das seinen körperlichen Tod überdauert, mag und kann ich mir nicht denken; mögen schwache Seelen aus Angst oder lächer- aM } a Wie ich dıe Welt sehe 17 lichem Egoismus solche Gedanken nähren. Mir genügt das Mysterium der Ewigkeit des Lebens und das Bewußtsein und die Ahnung von dem wunderbaren Bau des Seienden, sowie das er- gebene Streben nach dem Begreifen eines noch so winzigen Teiles der in der Natur sich manife- stierenden Vernunft. VON DER FREIHEIT DER LEHRE ZUM „FALL GUMBEL? Zahlreich sind die Lehrkanzeln und selten die weisen und edlen Lehrer. Zahlreich und groß sind die Hörsäle und doch wenig zahlreich die jungen Menschen, die ehrlich nach Wahrheit und Gerechtigkeit dürsten. Zahlreich spendet die Natur ihre Dutzendware, aber das Feinere erzeugt sie selten. Das wissen wir alle, warum also klagen? War es nicht immer so, und wird es nicht immer so blei- ben? Gewiß ist es so, und man muß das von Natur Gegebene hinnehmen, wie es eben ist. Aber es gibt daneben auch einen Zeitgeist, eine der Gene- ration eigentümliche Gesinnung, die sich von Mensch zu Mensch überträgt, und die einer Ge- meinschaft ihr charakteristisches Gepräge gibt. An der Wandlung dieses Zeitgeistes muß jeder sein kleines Teil arbeiten. Vergleichen Sie den Geist, der in der hiesigen akademischen Jugend vor einem Jahrhundert le- 2